Gestern gab der Kanton Bern eine überraschende Kehrtwende beim Projekt Hochwasserentlastungsstollen in Thun bekannt: Gut einen Monat vor dem geplanten Spatenstich (am 2. Juni) teilte das Tiefbauamt mit, dass der Baustart um ein halbes Jahr verschoben wird. Grund: Die Offerten, die vier Baukonsortien eingereicht haben, übersteigen den Kostenvoranschlag deutlich.
Konkreter wollte Projektleiter Ernst Spycher nicht werden. Denn: Die Ausschreibung wird unter veränderten Voraussetzungen noch einmal durchgeführt. Aus taktischen Gründen nennt Spycher deshalb keine Zahlen. Beim bisher vorgesehenen Kostendach von insgesamt rund 35 Millionen Franken dürfte die Kostenüberschreitung aber im höheren einstelligen oder sogar zweistelligen Millionenbereich liegen.
Der Kanton führt für die erhebliche Differenz zwischen Voranschlag und Offerten verschiedene Gründe an. Einerseits hätten der beschränkte Wettbewerb und die hohe Auslastung der Unternehmer im Tunnelbau und die enge zeitliche Vorgabe (18-monatige Bauzeit), die politisch bestimmt war, dazu geführt. Andererseits gibt es seit kurzer Zeit in Europa nur noch eine Firma, die deutsche Herrenknecht AG, die die spezifische Art Tunnelbohrmaschine anbietet, die in Thun benötigt wird: Fürs Arbeiten im Grundwasserbereich braucht es die Hydroschild-Technik, und in Thun ist ein kleiner Tunnel-Durchmesser gefragt. Die Monopolsituation wirkt sich negativ auf die Kosten aus. In den nächsten zwei Monaten passt der Kanton die Submissionsunterlagen an. Die wichtigsten Änderungen: Die Vorgaben, zum Beispiel für die Baugrube, werden weniger strikt und detailliert. Und dem Unternehmen wird ein halbes Jahr mehr Zeit eingeräumt, um den Stollen fertigzustellen. Zwei Monate haben die Bewerber Zeit, um neue Offerten einzureichen. Nach weiteren zwei Monaten Prüfungszeit will der Kanton die Arbeiten vergeben, die im Dezember dann starten sollen. Ende 2008 soll der Stollen fertig sein und im Frühling 2009 in Betrieb genommen werden. Der Rückstand gegenüber dem bisher kommunizierten Zeitplan beträgt eine Hochwassersaison. Wie hoch die Kosten am Ende sein werden, ist unklar. Laut Oberingenieur Ernst Spycher kostet die erneute Submission mit einem tiefen fünfstelligen Betrag weit weniger, als dadurch eingespart werden kann. Die vier offerierenden Konsortien hätten sich auch nicht abgesprochen. "Wir haben das geprüft und keine diesbezüglichen Tendenzen festgestellt." Bis der Stollen fertig ist, verspricht der Kanton weitere Massnahmen: So werde geprüft, ob der See für ein Jahr noch stärker gesenkt werden könnte als im bereits optimierten Regulierreglement. Einzelne Massnahmen wie Objektschutz, mehr Sandsäcke oder bessere Information wurden nach dem letzten Hochwasser aufgegleist und werden jetzt intensiv vorangetrieben. Der Thuner Gemeinderat und Bauvorsteher Beat Straubhaar gab eine geteilte Stellungnahme ab: "Einerseits haben wir Mühe mit der Verzögerung und sind enttäuscht, dass die Bevölkerung jetzt noch länger warten muss." Auf der anderen Seite habe er Verständnis. "Nicht nur Thun, sondern auch Kanton und Bund müssen mit ihren Mitteln haushälterisch umgehen." Und er schob nach: "Je nachdem sollte auch der Bund sein Kostendach anheben, damit nicht nur Kanton und Stadt die Mehrkosten tragen müssen." Hierzu seien bereits intensive Gespräche im Gang. Quelle: Bieler Tagblatt
Quelle:
 |